Bagoyi - Kapitel 027
Der Anblick lässt mich im Moment alles vergessen.
Abgelenkt werde ich durch das Aufleuchten einiger Punkte und den schriftlichen Hinweisen.
Der Zentralcomputer meldet sich und gibt mir optische und schriftliche Hinweise über meine Gebrechen.
Während ich so in Gedanken um meinen ... tja, was ist das eigentlich für ein Abbild ... Astrallaib herumgehe, schaue ich verstohlen zum Kopf.
Nichts Besonderes zu sehen.
Auch nicht hinter dem Ohr- die Narbe ist zwar deutlich erkennbar, jedoch von den Einschlüssen der Kohlepartikelchen - zur Information ... Moritz, das Grubenpferd - ist schon fast nichts mehr zu sehen.
"Interessant, nicht?"
AZ steht neben mir und hat so etwas wie ein Messer in der Hand.
Diesen Gegenstand drückt er leicht in den Zylinder, säbelt an meinem plastischen Arm herum und zieht das messerähnliche Ding heraus.
Erschüttert stelle ich fest, dass auf dem Messer - oder wer weiß was das ist - ein Stück Arm - ohne zu bluten - liegt.
Ich schaue schnell zum Zylinder und der Stelle, wo der Arm ist.
Nichts Besonderes zu sehen.
Das herausgeschnittene Stück Arm ist wieder erneuert worden.
Grinsend legt AZ das Stück Arm auf einer etwas entfernten Stelle des Bodens und tritt zurück.
Und sofort beginnt das Armstück zu wachsen.
Es wird größer und größer, bis es fast so groß ist, dass es an die Decke stößt.
Ich habe keine Zeit, mich vor mich zu ... ekeln, oder Abscheu zu empfinden, denn die Vorführung der Supertechnik lässt keinen Platz für Sentimentalitäten.
Ich trete näher an mein super-super Armteil, und kann dank dieser Technik alles bis ins Feinste und Kleinste betrachten.
Haut, Poren, Haare ... alles.
Mich reizt was, AZ zu natzen.
Ich wende mich ihm zu und frage. "Wenn ich jetzt von diesem Teil eine kleine Probe nehme, kann denn das wieder so vergrößert werden?"
Eigentlich habe ich eine Verneinung erwartet, aber AZ macht ohne viel Worte das gleiche wie vorhin.
Er nimmt ein Stück des vergrößerten Haares, legt es auf einer bestimmten Stelle auf den Boden und das Haar beginnt zu wachsen.
Vor mir liegt dann eine große Röhre - mein, oder ein, Haar.
Und gerade, als ich wieder die gleiche Frage stellen will, kommt AZ mir zuvor.
"Waldi, das kann ich so lange machen, bis ich ein einzelnes Atom nur noch übrig habe. Und dieses Atom ist dann noch nicht der Schluss.
In anderen technischen Bereichen und in der Forschung kann man sogar das Atom noch in dieser Art zig mal vergrößern.
Aber da muss man andere Zentralcomputer haben, der hier ist ein einfaches Praxismodell und so in etwa vierhundert Jahren in Betrieb.
Aber ... fehlerfrei."
Das letzte Wort kann er sich schenken.
Was soll der Hinweis auf die Supertechnik.
Fehlerfrei?!
Angeber!?
"AZ, wie funktioniert denn eigentlich eine Operation bei Euch?
Habt ihr Ärzte, Pflegepersonal, Verbandsstoffe, Medikamente?
Wer narkotisiert, wer schneidet, wer näht?"
Im Moment komme ich nicht weiter.
Meine Fragen sind am Ende.
Bei jeder weiteren Frage fühle ich mich so richtig blamiert.
Ich ahne fast die Antworten, so scheint mir diese Technik - Dr. Frankenstein, nur schlappe vierhundert Jahre alt, ein taufrisches Modell - in ihren Bann zu ziehen.
Ich schaue AZ fragend an und der zitiert wieder.
"Der Zentralcomputer macht alles.
Obwohl der Begriff Zentralcomputer nicht ganz korrekt ist.
Es handelt sich hierbei um eine komplette medizinische computergestützte Einheit, die ständig Informationen von der Erde über alle möglichen medizinischen Erkenntnisse erhält, und die ebenfalls von der ORGANISATION mit neuesten intergalaktischen Erfahrungen und Erkenntnissen bestückt wird.
Dadurch sind wir von der ORGANISATION der Medizin eures Planeten immer ein gutes Stück voraus.
Zum Gebrauch dieses Krankenzimmers - oder wie du es nennen wirst - ist nur noch etwas zu sagen.
Seit deines Eintrittes hier in diesem ... Palais bis du ständig telemetrisch medizinisch überwacht worden.
Ich, wenn ich hier bin, auch.
So weiß der Zentralcomputer des Krankenzimmers immer, was dir und mir fehlt.
Und somit kann er ständig mit deiner - wie auch mit meiner - Vorbeugung zur Erhaltung unserer Gesundheit Vorbeugungsmaßnahmen treffen.
Wenn es dann einen Ernstfall gibt, so ist der Zentralcomputer - es gibt für ihm im Sprachgebrauch der ORGANISATION ein besseres Wort, aber das kannst du noch nicht behalten - sofort am Ball und kann eingreifen.
Alle medizinischen Gerätschaften werden dann wegen des zu erwartenden Aufwandes - abgecheckt durch alle vorhandenen Kenntnisse - wie ein Baukasten zusammengesetzt und in diesem Raum in kürzester Zeit aufgebaut.
Dieser medizinische Baukasten besteht in seinen Grundelementen aus einer geringen Summe von Elementen.
Diese können im Einzelnen so vielseitig verwendet werden, so dass einerseits keine besonders wichtigen Teile ausfallen können, andererseits jede nur erdenkliche medizinische Versorgung durchgeführt werden kann.
Die Begriffe wie Schneiden, Nähen, Wunden und ähnliches gibt es bei uns nicht mehr.
In unserer medizinischen Versorgung werden andere, euch noch nicht bekannte Fakten und Realitäten, verwendet.
Es ist zu viel, wenn ich sie dir alle nenne - aber ich glaube, du kennst schon einige kleine Anfänge eurer Medizin wie ... DNS ... molekulare Biologie, genetische Implantate.
Durch die Vorgabe der Vorbeugungsnotwendigkeit im Gesundheitswesen der ORGANISATION - egal, ob im Einzugsbereich oder in solchen Fällen, wie es bei dir passiert ist, wirst du niemals erleben, dass dieses Krankenzimmer wie ein Operationssaal aus deiner planetarischen Lebenssphäre aussieht.
Hier ist erst dann eine medizinische Aktivität, wenn es losgehen muss.
Vorher ist alles steril verpackt, aber ständig in Bereitschaft sowie stetig von den gesetzten Prioritäten.
Zwischen dir und mir besteht trotz deines HIS´CHI ein Unterschied in der Bewertung einer Einsatznotwendigkeit.
Wenn ich hier bin, werde ich etwas vorrangig behandelt - immer unter dem Aspekt einer gleichzeitigen Erkrankung von uns beiden - sonst aber, wenn du - Piggy brauchen wir nicht dabei zu erwähnen - hier alleine bist, dann läuft alles nur auf dich zugeschnitten."
Man, der kann reden!
Wie ein Wasserfall.
Ich muss mich stark konzentrieren, damit ich alles verstehe und später aufschreiben kann.
In gewissen Maßen kenne ich inzwischen seine Art zu Sprechen.
Langsam macht mir dabei ein Punkt zu schaffen.
Das HIS´CHI in meinem Kopf.
Bei dem Zylinderbild von mir habe ich die abnehmenden Kohleeinschlüsse in der Narbe hinter dem Ohr deutlich gesehen.
Mein Untermieter hat anscheinend einen gesunden Appetit.
Nur - was passiert, wenn es satt ist?
Mund abputzen und abhauen?
Wie stehe ich dann da?
Irgendwas war ja am Anfang der ganzen Geschichte in meinem Kopf passiert.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass im Hangenden etwas eingebrochen war und dann so ´rumgelegen hatte.
In meinem Kopf!
Also - auch in meinem Gehirn!
Genau - das ist der Punkt, der mir immer schon zu schaffen gemacht hat.
Was passiert also, wenn das HIS´CHI mich verlässt?